Nachfolge
entscheidet sich an...
... Reihenfolge
Schauen wir uns die Religionen an, spüren wir eine große
Ungewissheit, die aus Unwissenheit resultiert: Gott ist der Große,
Unsichtbare, Unfassbare, ... In der Ahnung um ein höheres Wesen, das
in seiner Größe und Heiligkeit unendlich über ihnen steht,
entwickeln Menschen unter dem Eindruck eigener Unvollkommenheit
Rituale und Zeremonien, um dem Unbekannten irgendwie näher zu
kommen. Opfer werden gebracht, um höhere Mächte gnädig zu stimmen.
Als Christen erkennen wir unser Vorrecht, dass sich der Schöpfer des Himmels und der Erde uns ganz zweifelsfrei in Jesus Christus offenbart hat. Wir wurden davon befreit, uns den Himmel durch Opfer selbst zu erarbeiten, weil er uns in seiner Heiligkeit seine Liebe erkennen ließ, die sich selbst als Opfer für seine unheiligen Geschöpfe gab! Und so dürfen auch Gebote im Christenleben eine völlig neue Bedeutung bekommen, fernab von aller Religion: Ihr Befolgen soll Gott gegenüber Dankbarkeit und Liebe für die am Kreuz erwirkte Vergebung der Sünden ausdrücken. In manchem, was sein Wesen und unsere Beziehung zu ihm betrifft, sind wir also nicht mehr unwissend.
Wenn da nur nicht die Nachfolge wäre! Jesus sagt ganz (klar?) zu den Jüngern aller Zeitalter: Wer mich liebt, der hält meine Gebote.
Nun schauen wir unser Leben an und ziehen aus dem Missachten der Gebote den richtigen Schluss: Wir lieben ihn nicht so wie er uns! Das mag auch Petrus in einer entscheidenden Phase seines Lebens gedacht haben. Schauen wir uns seinen Weg einmal an, dann stellen wir fest, dass wir eine Zeitlang seine Erfahrung teilen und damit seinen inneren Standort in der Nachfolge nachvollziehen können. Aber dann scheint er uns doch irgendwie abzuhängen, ein Niveau von atemberaubender Höhe zu leben.
Petrus hatte mit Jesus Wunder erlebt, die Reinheit seines Wesens hatte ihn fasziniert, und der Jünger hatte aus dem Mund seines Meisters Worte ewigen Lebens vernommen. Von Jesus beeindruckt, äußerte er entschlossen und von eigener Stärke überzeugt, mit ihm auch ins Gefängnis und in den Tod zu gehen: Mein Leben will ich für Dich lassen!
Wie unverständlich erschien ihm die Aussage Jesu, die Jünger würden sich in dieser Nacht alle an ihm ärgern. Jesus wusste, dass ein im Ich gefangener Petrus ihm auf dem Weg in den Tod niemals nachfolgen konnte, ja dass er ihn vor Tagesanbruch bereits dreimal verleugnet haben würde. So teilen wir mit Petrus die Erfahrung, dass die Nacht menschlicher Unwissenheit gerade auch in einem ernsthaften Christenleben durch Anstrengung und Enttäuschung erhellt werden muss. Trotz vieler Bemühungen gelingt die Nachfolge nur bis zum Kohlenfeuer!
Im ersten Petrusbrief dagegen bemerken wir beim Lesen sofort die Qualität übernatürlichen Lebens. Er spricht von einer Demut, die Böses mit Segen vergilt; von Glückseligkeit darin, um der Gerechtigkeit willen zu leiden. Und er folgert aus dem Leiden im Fleisch, mit der Sünde abgeschlossen zu haben. Mal ehrlich ist er für uns jetzt noch in Sichtweite? Zur Erklärung gehen wir zurück zu Lukas 22: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass hier der Schlüssel zur Wende im Leben des Petrus liegt. Petrus begegnete beim Hahnenschrei dem Blick Jesu. Er erlebte zeitgleich mit eigenem Versagen die Liebe Jesu. Im eigenen Versagen konnte ihm aufgehen, dass er in der Nachfolge nicht in erster Linie eine Norm zu erfüllen hatte, sondern bedingungslos geliebt wurde.
Um wie viel gründlicher konnte diese Liebe sein Herz wahrhaftig reinigen als es die Enttäuschung über sein eigenes Versagen vermochte! Und um wie viel tiefer mag sich diese neue Sicht vom unbekannten bekannten Gott in sein Herz später noch eingegraben haben, als er dann nach der Auferstehung Jesu die Worte verstand: Mein Blut für Euch vergossen. Was? Diese Liebe war schon da, als er noch mit den anderen Jüngern überlegte, wer unter ihnen der Größte sei?
Es ist die Liebe allein, die Petrus in seiner Nachfolge in höchste Höhen erhob und Aufforderungen in Einladungen verwandelte. Legt nun ab alle Bosheit und seid begierig nach der unverfälschten Milch! Wir deuten den Imperativ nur deshalb gleich als Anforderung an uns, weil wir auch in dem Bemühen um Heiligung um uns selbst kreisen. Hier liegt vielleicht einer unserer größten Irrtümer verborgen. Wir erkennen aber, wie sich Nachfolge tatsächlich an Reihenfolge entscheidet! Die Bedingung für Liebe ist Geliebtsein. Die Fortsetzung des zitierten Petrussatzes lautet: ... wenn ihr wirklich geschmeckt habt, dass der Herr gütig ist! Mit anderen Worten: Ersteres wird nicht geschehen, solange Letzteres nicht wahrhaft durchlebt wird. Deshalb ist ein Mangel an Nachfolge in erster Linie verursacht durch einen Mangel an Erkenntnis von bedingungsloser Liebe! In bald kommenden Verfolgungszeiten wird gelebte Liebe als Reaktion auf Hass unwissende Menschen fragen lassen: Woher habt ihr diese Hoffnung? Wo ist Eure Quelle? Wenn uns Gott als Christen seine Liebe so offenbaren kann, dass wir in Glückseligkeit alles hingeben, werden wir irrenden Menschen den unfassbaren Vater im Himmel so sichtbar machen können, dass auch ihre Nachfolge weiter geht als bis zum Kohlenfeuer.
I. Rademske